SHIGARAKI-KERAMIK
Der Geschmack des Tons

Wer an Shigaraki denkt, verbindet den Ort oft mit ganz unterschiedlichen Bildern. Für die einen ist es die Stadt der fröhlichen Tanuki-Figuren, die die Straßen säumen. Andere denken an rustikale Teekeramik, die von Generationen von Teemeistern geschätzt wurde, während Architekten Shigaraki vor allem mit Dachziegeln und keramischen Baumaterialien verbinden. Zeitgenössische Keramikkünstler wiederum sehen in Shigaraki eines der bedeutendsten Zentren für Keramikforschung und internationalen künstlerischen Austausch. Auf den ersten Blick scheinen diese unterschiedlichen Facetten kaum miteinander verbunden.
Doch sie alle haben dieselbe Grundlage: einen außergewöhnlichen Ton.
Shigaraki liegt im Süden der Präfektur Shiga, etwa eine Stunde südöstlich von Kyoto und südlich des Biwa-Sees, des größten Binnensees Japans. Eingebettet in ein abgeschiedenes Tal, umgeben von Wäldern und sanften Hügeln, konnte sich hier über mehr als achthundert Jahre eine eigenständige Keramikkultur entwickeln. Heute zählt Shigaraki zu den Sechs Alten Brennöfen Japans (Rokkoyō), doch seinen anhaltenden Ruf verdankt die Region weniger einem bestimmten Stil als vielmehr den außergewöhnlichen Eigenschaften ihres Tons.
- Eine vom Ton geprägte Landschaft
Geologischer Ursprung

Die Tonarten Shigarakis
Die Töpfer Shigarakis arbeiten mit verschiedenen lokalen Tonarten, die jeweils unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Der helle, sandige Gairome-Ton ist grobkörnig und reich an Feldspat- und Quarzpartikeln, die nach dem Brand als charakteristische Einschlüsse sichtbar bleiben. Der dunklere Kibushi-Ton ist feinkörniger, äußerst plastisch und brennt trotz seines hohen organischen Anteils überraschend hell aus. Zusammen mit weiteren lokalen Tonen eröffnet diese Vielfalt außergewöhnliche Möglichkeiten – sowohl für auf der Töpferscheibe gedrehte als auch für frei aufgebaute Keramiken.
Der Ton ist ausgesprochen widerstandsfähig, hitzebeständig und eignet sich hervorragend für lange Holzbrände. Seine Qualitäten werden so hoch geschätzt, dass Shigaraki-Ton heute von Keramikkünstlern in ganz Japan verwendet wird.

Tsuchi-aji – der „Geschmack des Tons“

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Shigaraki Signatur: Yakishime Keramik
Shigaraki Signatur: Yakishime Keramik
Die Anfänge der Keramikproduktion


DIE TRADITION DER GROßeN GEFÄSSE (Tsubo)
Die Kunst des Holzbrands
Aufgrund des einzigartigen Charakters und des besonderen „Geschmacks“ seines Tons wurde Shigaraki schon früh für yakishime, hochgebrannte, überwiegend unglasierte Steinzeugkeramik, bekannt. Ihre Schönheit entsteht nicht durch aufgetragene Glasuren, sondern durch das Zusammenspiel von Ton, Asche und Feuer. Während der langen Holzbrände verwandeln sich die Oberflächen auf natürliche Weise, sodass der Ton selbst zur Leinwand wird, auf der das Feuer seine Spuren hinterlässt.
Während des Brandes legt sich Holzasche auf die Gefäße und schmilzt zu der charakteristischen, transparent grünlichen Bidoro-Ascheglasur. Das im Ton enthaltene Eisen entwickelt warme orange bis rötliche Hi-iro-Farbtöne („Feuerfarbe“), während der direkte Kontakt mit den Flammen dunkle Brandspuren hervorruft, die als Koge bezeichnet werden. Größere Feldspateinschlüsse treten als helle Ausbrüche (Ishihaze) hervor oder schmelzen zu kleinen, rundlichen Erhebungen (Arare) an der Oberfläche an. Gemeinsam bilden diese durch den Brennprozess entstehenden Yōhen („Ofenveränderungen“) einzigartige Oberflächen, die sich niemals exakt wiederholen lassen und den Weg des Feuers über das Gefäß wie eine Landschaft sichtbar machen.

Anagama - Sawa Katsunori

Noborigama - Oogama Café
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Shigaraki und die Teezeremonie
Shigaraki und die Teezeremonie

Chawa - Sawa Katsunori
Der Einfluss des Wabicha
Von Vorratsgefäßen zu Teekeramik
Besonders die großen mittelalterlichen Tsubo und Kame beeindruckten durch ihre kraftvolle Formensprache. Sie wurden als Mizusashi – Frischwassergefäße für die Teezeremonie – weiterverwendet und erhielten damit eine völlig neue kulturelle Bedeutung.
Schon bald entstanden in Shigaraki Keramiken speziell für die Teezeremonie. Dazu gehörten Mizusashi, Hanaire (Blumengefäße), Chaire (Teedosen) und schließlich auch Teeschalen. Trotz ihrer neuen Funktion bewahrten sie die Eigenschaften, die Shigaraki seit Jahrhunderten auszeichneten: grobkörnigen Ton, zurückhaltende Formen und natürliche Brandspuren.

MET Museum - Shigaraki Tea Caddy (Chaire) in Taikai shape, 16th Century
Credit Line: Gift of Peggy and Richard M. Danziger, 2024
Object Number: 2024.553.16a, b

Shigaraki Pail - Sawa Katsunori
Die Ästhetik der Materie
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Eine Tradition der Neuerfindung
Eine Tradition der Neuerfindung
Während der Edo-Zeit (1603–1868) wurde Shigaraki für seine hochwertigen Teegefäße bekannt, darunter auch Teedosen, die im Auftrag des Tokugawa-Shogunats gefertigt wurden. Mit der Industrialisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich die Region darüber hinaus zu einem der bedeutendsten Produktionszentren Japans für Hibachi-Kohlenbecken, Dachziegel, Architekturkeramik und Gebrauchsgegenstände.
Auch die heute allgegenwärtigen Tanuki-Figuren gehören zu dieser Geschichte. Die humorvollen Waschbärenhunde wurden vor allem im 20. Jahrhundert zu einem Markenzeichen Shigarakis und sind Ausdruck der außergewöhnlichen Vielseitigkeit der lokalen Keramikproduktion.
So unterschiedlich diese Erzeugnisse auch erscheinen mögen – vom monumentalen Vorratsgefäß bis zur Tanuki-Figur –, sie verbindet stets dieselbe Grundlage: der außergewöhnliche Ton Shigarakis.


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Shigaraki heute
Shigaraki heute
Die Wiederentdeckung des Yakishime
In den 1960er- und 1970er-Jahren entdeckten Keramikkünstler die Ausdruckskraft der mittelalterlichen Yakishime-Keramik neu. Bereits in den 1930er-Jahren hatte der charismatische Künstler, Keramiker und Feinschmecker Rosanjin Kitaōji (1883–1959) wesentlich dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf Shigaraki und seine besonderen Qualitäten zu lenken.
Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen Künstler aus alteingesessenen Töpferfamilien wie Takahashi Rakusai und Ueda Naokata die kraftvollen Brandlandschaften der Momoyama-Zeit wieder auf und führten die Holzbrandtradition in die Gegenwart.
Neue künstlerische Ausdrucksformen
Die Möglichkeiten des Shigaraki-Tons wurden auch von Künstlern außerhalb der Keramik aufgegriffen. Eine besondere Verbindung entwickelte Okamoto Tarō, der über viele Jahre mit Keramikern in Shigaraki zusammenarbeitete. Neben den keramischen Elementen für seinen ikonischen Turm der Sonne (Taiyō no Tō) zur Expo '70 entstanden hier auch Reliefs, Wandarbeiten und Skulpturen, die eindrucksvoll zeigen, wie sich Shigaraki-Keramik weit über die traditionelle Gefäßkunst hinaus als Medium moderner Kunst etablierte.
Mit Kohyama Yasuhisa (geb. 1936) wurde dieser Gedanke innerhalb der Keramikkunst konsequent weiterentwickelt. Seine skulpturalen Arbeiten erweiterten die Ausdrucksmöglichkeiten des Shigaraki-Tons weit über die funktionale Keramik hinaus.

Okamoto Taro - Dog Shaped Flower Pot 1956, The Museum of Contemporary Ceramic Art

Tao Akira - Stretching
Die Zukunft Shigarakis
Auch die jüngere Generation entwickelt diese Tradition weiter. Sawa Katsunori (geb. 1978) bleibt eng mit dem Holzbrand und den charakteristischen Oberflächen historischer Yakishime verbunden. Gleichzeitig verbindet er unterschiedliche keramische Traditionen und erweitert die klassische Formensprache Shigarakis.
Tao Akira (geb. 1994) hingegen nutzt denselben Ton für skulpturale Arbeiten, die eine deutlich zeitgenössische Bildsprache entwickeln. So unterschiedlich ihre Werke auch erscheinen mögen, beide Künstler zeigen, wie vielseitig und lebendig das Material Shigarakis bis heute geblieben ist.
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Internationales Keramik- und Kunstzentrum
Internationales Keramik- und Kunstzentrum
Tougei no Mori: The Ceramic Cultural Park


MIHO MUSEUM


Die zeitlose Faszination des Tons
In einer zunehmend digitalen Welt wächst die Sehnsucht nach Objekten, die Authentizität, Materialität und eine unmittelbare Verbindung zur Natur vermitteln. Shigaraki erfüllt dieses Bedürfnis auf besondere Weise.
Seine Faszination beruht nicht auf makelloser Perfektion, sondern auf dem unverwechselbaren Charakter seines Tons – seinem tsuchi-aji. Jede Arbeit macht die Herkunft des Materials ebenso sichtbar wie den Weg durch das Feuer.
Mehr als achthundert Jahre nachdem Bauern während der arbeitsarmen Wintermonate begannen, Ton zu Gefäßen zu formen, inspiriert dieselbe Erde noch immer Keramikkünstler aus Japan und der ganzen Welt. Formen und Ausdrucksweisen mögen sich verändern, doch die Grundlage bleibt dieselbe.
Shigaraki zeigt eindrucksvoll, dass eine lebendige Tradition nicht dadurch besteht, die Vergangenheit zu bewahren, sondern sie immer wieder neu zu interpretieren. Sein größtes Meisterwerk war und ist der Ton selbst.
Bibliographie und Links:
Cort, Louise Allison. Shigaraki: Potter's Valley. Tokyo & New York: Kodansha International, 1979.
https://folklife-media.si.edu/docs/festival/program-book-articles/FESTBK1986_07.pdf
https://www.e-shigaraki.org/discovershigaraki/.assets/Shigaraki-Proffesional-Destination-Guide.pdf
https://en.sixancientkilns.jp/shigaraki/
The Shigaraki Ceramic Cultural Park: https://www.sccp.jp/e/
Miho Museum: https://www.miho.jp/en/


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